Es gibt viele Bücher über die Technik, die Geschichte und
die Traditionen der Budô- und Bujutsu-Disziplinen. Aber nur wenige befassen
sich so eindrucksvoll und in für den Europäer verständlicher und auch
unterhaltsamer Weise mit den spirituellen Grundlagen und Zielen
des Budo, wie
dieses kurze und intensive Bändchen von Trevor Leggett.
Leggett begann 1930 im
Budokwai in London mit Judô, hatte Lehrer wie Yukio Tani und Gunji Koizumi und
hält heute ein 6. Dan Senior Teacher's Certificate vom Kodokan, Tôkyô dem
Dôjô von Kano Jigoro, dem Gründer des heutigen Judô. Aufgrund seiner
langjährigen Tätigkeit als Journalist in Japan und als Übersetzter von
japanischen Texten über Budô und Zen ist Leggett auch ein intimer Kenner der
japanischen Kultur und Gedankenwelt, ohne dass er eine gewisse kritische
Distanz verloren hat. Er stellte sich der nicht leichten Aufgabe, als Europäer
über das Wesen des Budô zu schreiben. Dadurch ist Leggett auch in der Lage,
äußerst instruktive Verbindungen und Parallelen zur europäischen Kultur und
Geistesgeschichte,
wie etwa zum europäischen Rittertum oder dem Mythos des
englischen Gentlemen herzustellen.
The Spirit of Budô wurde erstmals im
Jahre 1993 in Englisch und Japanisch veröffentlicht und enthält 18 Artikel,
die ursprünglich
im Budô Magazine erschienen sind.
In ihrer kompakten Kürze erinnern diese Artikel
etwas an die Meditationsgeschichten der Zen-Lehrer.
Anstelle einer langen
Diskussion des Inhalts des Buches möchte ich kurz eine Textstelle wiedergeben,
die inhaltlich interessant und
stilistisch repräsentativ ist:
Japanische Bogenschützen
spannen den Bogen bis zur Schulter. Wenn der Bogen ganz gespannt ist, ist die
rechte Hand auf der gleichen Höhe wie die rechte Schulter. Westliche
Bogenschützen spannen zur Wange oder zum Ohr. Die japanische Methode des
Spannens ist weiter und daher kräftiger als die klassische westliche, aber im
allgemeinen weniger genau. Ein ausgezeichneter amerikanischer Bogenschütze,
der Japan in den dreißiger-Jahren besuchte, demonstrierte einem japanischen
Kyudô-Meister, dass sein westlicher Stil treffsicherer war als der japanische.
Sie gingen gemeinsam zur Schießbahn und der Amerikaner konnte etwas bessere
Ergebnisse bei den Treffern erzielen. Der Amerikaner bot an, Unterricht zu
erteilen, aber zu seiner Überraschung antwortete der unbeeindruckte japanische
Meister:
Sie waren etwas besser auf der Schiessbahn, aber das ist nicht der
eigentliche Zweck. Der verständlicherweise etwas verärgerte Amerikaner
antwortete: Was ist dann der eigentliche Zweck des Bogenschießens, wenn er
nicht darin besteht die besten Ergebnisse zu erzielen? Darauf der japanische
Meister: Nun, nehmen wir unsere Bogen and drei Pfeile und gehen wir zu den
gegenüberliegenden Enden der Schießbahn. Dann werden wir aufeinander schießen.
Wenn sie der bessere Bogenschütze sind, werden sie gewinnen. Die
Herausforderung wurde abgelehnt. Das ist der eigentliche Zweck unseres
Bogenschießens, fügte der japanische Meister hinzu. Der amerikanische
Bogenschütze ging schweigend.
Nun wird niemand glauben, dass
es eine vernünftige Art des alltäglichen Trainings ist, in lebensgefährdender
Art aufeinander zu schießen, aber ich meine, dass diese Geschichte sehr viel
über Budô aussagt. Dieses Buch ist all jenen wärmstens ans Herz zu legen, die
im Budô über die reine äußere Technik dem kleinsten Teil des Budô
hinausgehen wollen, und allen anderen auch.